Driver's Seat

abacus presse & pr

Josef Clahsen
Arnikastra. 58
73733 Esslingen

Fon:    +49 (0) 711 350 90 53
Mobil: +49 (0) 170 961 57 27
Mail:   joclahsen(at)mac.com

 

Driver's Seat

PS, Drehmoment, Preis, alle Maße bis auf den letzten Millimeter, das lässt sich in der „Always-on-Gesellschaft“ überall erfahren. Auch mobil. Der Fahrersitz – Driver's Seat – ist deshalb das beste Medium, um ein neues Fahrzeug zu beurteilen. Denn unser Sitzfleisch spürt sofort und genau, wo’s zwickt. Getreu dem Motto „ich fahre, also bin ich“ tauchen hier nur Berichte über Autos auf, die ich persönlich bewegt und mit meinem Popo-Meter „gefühlt“ habe. Harte Fakten bleiben dabei oft außen vor. Dafür gibt es Einschätzungen, Bemerkungen und durchaus kritische Worte zu Dingen, die eben nicht so gut funktionieren oder über das Ziel hinaus schießen. Also, der Beifahrersitz ist noch frei. Bitte einsteigen ...

Mercedes CLA

von in DRIVER'S SEAT
  • Schriftgröße: Größer Kleiner
  • Aufrufe: 2585
  • Updates abonnieren
  • Drucken
2585

s’ Shootingbrakele

Nach der Auferstehung der A-Klasse in vollkommen neuem Outfit kommen jetzt die Brüder und Schwestern des Kompakten zum Zuge. Version eins: CLA. Ein Coupé mit vier Türen auf Basis der A-Klasse Architektur. Und eine Reminiszenz an den CLS und seinen Bruder Shooting Brake. Natürlich heißt der Kleine im Schwäbischen dann am Ende Le. Shooting-Brake’le, also kleiner Shooter und Braker.

 

13C268__002kl.jpg

Vorurteile sind beharrlich. Zum Beispiel: Nescafe schmeckt einfach bescheiden. Stimmt. Oder: Dreitagebart ist uncool! Naja. Oder aber: Mit Mercedes sportlich unterwegs sein, geht gar nicht. Gegenbeweis: Französische Landstraße, bergig, viele, viele Kurven. Und dann ein CLA mit Dieselmotor.

Nun gut, der CLA ist kein Porsche. Sondern ein Kompakter von Mercedes, der auf der aktuellen A-Klasse aufbaut. Und der 220 CDI mit 170 PS hat mit den 1.525 Kilo Auto keine allzu große Mühe. Denn er verfügt mit 350 Nm über das gleiche Drehmoment wie der Kraftprotz CLA 250. Was er nahe dem Küstenflecken St. Tropez auf die Straße wuchtet, kann mit Fug, Recht und Garantie als sportlich bezeichnet werden. Aber lassen wir den ewig Gestrigen ihren Glauben und die Hoheit in der Skatrunde. Die Asse von Mercedes gehen derweil ihren eigenen Weg.

Die Seiten des CLA sind klassisch schön. Vorne ist der CLA, dem Mercedes-Chef Dieter Zetsche Ikonenstatus zugesteht, ähnlich wie die A-Klasse auf Dynamik getrimmt. Große Kiemen, Stern zentral im Kühler, scharfe Augen und eine tief gelegte Unterlippe, die noch mehr Nähe zur Straße suggeriert. Hinten jedoch ist er eher Geschmackssache. Sicher, der CLA nimmt einige Stilelemente der A-Klasse auf, wirkt präsent, steht breit und fest auf der Straße. Das ist gut so. Die Verbindung zwischen den Stoßfängern ist auch vollkommen in Ordnung, weil sie in einem eleganten Bogen das Greenhouse des CLA überspannt. Hinten hängt ein ordentlich großer Kofferraum dran, so dass es für vier erwachsene Passagiere sowie deren Gepäck reicht. Am Heck allerdings streiten sich Horizontale und Vertikale um die Dominanz. Und das nimmt dem CLA wieder viel von der Spannung, die er durch den Bogen aufgebaut hat.

Es lässt sich ja famos über Geschmack streiten, aber der meine ist das Heck des CLA nun einmal nicht. Die User werden entscheiden. Mit dem CLA, so hat es der Leiter Entwicklung Compact Cars, Hansjörg Schinke, angedeutet, „wollen wir auf die Shopping-Liste von Leuten, die bisher Mercedes-Benz nicht auf der Liste hatten“. Wohlan denn. Ein viersitziges, viertüriges Coupé findet sicherlich User, die bislang weder bei A noch bei B ja sagen wollten.

Beim Trip mit dem CLA kommt es dann zum System Overflow. Das iPhone 4S ist brav im Cradle eingedockt, lässt viele Optionen zu: Facebook, Glimpse, Aupeo und mehr. Also nehme ich am Multifunktionslenkrad die Navigation in das Zentraldisplay auf und lasse das große Display für andere Spielereien offen. Unter System hatte ich die Sprache Deutsch eingeloggt, dann geht die Reise los. Aber bereits an der ersten Ampel fühle ich mich ein wenig wie Don Juan, dem seine Gespielinnen auf den Fersen sind. Die Stimme der französischen Navigationsfrau bittet mich mit spielerischem Ton um etwas, das ich nicht ganz verstehe. Kurze Zeit später erklärt mir die deutsche Navi-Dame knapp, dass ich links abbiegen soll und in 300 Meter rechts fahren. Okay. Mach ich. Wieder kommt – ich will sie mal Chantal nennen – die Französin zum Zug. Sie ist gesprächiger, braucht länger, weil es im schönen Singsang des Französischen einfach länger dauert D 545 zu sagen, als es in deutscher Sprache braucht. Großes Plus: Die Damen des digitalen Overflow haben sich offenbar im Vorfeld verständigt, wer wann was sagen will. Die Chantal die, kommt etwas früher. Meist einen Kilometer vor dem Ereignis. Die Deutsche – sagen wir sie heißt Karin – spricht erst ab 400 Meter vor dem Ereignis.

Im Laufe der circa 80 Kilometer langen Strecke lerne ich von Chantal, dass rond-point wohl Kreisverkehr heißt. Und deuxieme eben die zweite Ausfahrt. Manches Mal sind sich beide auch intra- und extralinguistisch einig, wenn sie mich etwa in die Richtung Toutes Directions schicken. Hin und wieder gibt es aber auch leicht verletzt klingendes Sprachgewirr, wenn Chantal noch nicht mit der Ziffernfolge der Landstraße durch ist, Karin mir aber schon mitteilen eill, dass ich links auf die D 295 abbiegen muss. Und zwar in 300 Metern.

Viele, viele vergebliche Versuche später (ich hätte das iPhone aus dem Dock nehmen müssen), habe gar einen Mercedes-Benz Mitarbeiter gebeten, Chantal ein für allemal in den digitalen Orkus zu schicken, kommt es zur offenen Auseinandersetzung. Bis jetzt ist mir nicht klar, was genau den Streit ausgelöst haben könnte. Fest steht: Die Luft im CLA brennt. Während Karin, immer um Sachlichkeit bemüht, stur auf geradeaus für die nächsten 15 Kilometer pocht, will mich Chantal alle Nas lang nach rechts oder links in eine Ausfahrt lotsen, um mich zu einem U-Turn (sie nannte es, glaube ich, Detour) zu nötigen. Oh my Gawwd. Zum Schluss artet es in eine Art Logorrhöe aus, die mich vor lauter toutes suites und a gauche oder droite schier verzweifeln ließ. Ich glaube indes zutiefst untertänig an Karins Anweisungen. Die verstehe ich zumindest, wenn Chantal nicht dazwischen brabbelt.

Kurzum: Ich kam wirklich dort an, wo ich ankommen wollte. Und hatte, trotz des Problems bei der Damenwahl, eine vergnügliche Gelegenheit meine Französisch-Kenntnisse zu erweitern und zu erleben, was Daimler so drauf hat.

Die Motoren zum Beispiel: Toll. Ob, wie erwähnt, Diesel (220 CDI) oder der 200er als Benziner mit 156 PS, es macht einfach unglaublichen Spaß, diese Trieb-Werke auf Herz und Nieren zu strapazieren. Performance: exzellent. Verbrauch: minimal. Ob es auf der Autobahn im großen Gang geradeaus geht und man zum Überholen nur mal ein wenig mehr Drehmoment benötigt oder auf den kleinen, kurvigen Landstraßen, wo die Power meist nur kurzfristig abgerufen werden muss, um zum nächsten Bremspunkt zu kommen, die Kraft war immer präsent. Nur gelegentlich verschluckte sich das 7G-Automatikgetriebe, wenn man im großen Gang ausrollend am Paddle zog, um noch im Abbiegevorgang einen kleineren Gang zu wählen. Ansonsten setzt es, je nach Gemengelage, spitz an und schaltete flugs und geschmeidig durch, immer ein wenig höher drehend als im Schongang. Dort lag Stufe sieben schon bei etwas mehr als 50 km/h an. Wer dann noch die „Eco“-Taste gedrückt hat, kommt in den Genuss des Start-Stopp-Systems, das den Motor im Stillstand auf Null setzt.

Alternativ dazu gibt es noch das leckere Sportfahrwerk, das in Kombination mit der Standard-Sport-Manuell Einstellung aus dem CLA einen kleinen Beißer macht. Bei den Benzinern wie auch bei den Dieseln geht dann die Klaviatur der Leistungsentfaltung noch ein gutes Stück weiter. Und da auch die Feder-Dämpfer Kennlinie mehr auf Performance eingestellt ist, kann der CLA es kaum abwarten, die nächste Kurve anzufressen. Es kann dabei durchaus zu kleinen Reibereien an den Gummis kommen, wenn der Kompakte es allzu gut mit der Leistung meint. Für die Freunde des Fahrens, die hier mehr wollen, gibt es den CLA 250 mit Vierradantrieb.

Bei Verarbeitung und Materialanmutung ist alles in Butter. Bis auf eines: Die als Aluminium-Applikation ausgelegte Armaturenbeschalung klingt beim Draufklopfen arg nach Plastik. No problem. Der Rest passt. Von den Nähten im Leder, den sehr guten Sitzmöbeln bis hin zu den Stellern, die sich – gut einrastend – als das outen, was sie sind. Steller und keine weichwolligen Gurkendreher.

Die gute Nachricht zum Schluss: Es gibt den CLA als 180er ab 28.976,50 Euro. Wer ihn als Sparmodell Blue Efficiency Edition fahren möchte, zahlt keinen Cent mehr. Der 200er als Benziner geht für 31.862,25 Euro über den Tisch und beim CLA 250 sollte man zusätzlich 6.812,75 Euro überweisen. Der 220 CDI ist indes nur 6.128 Euro teurer als der Benziner. Das sind natürlich Basispreise. Denn auch ein CLA lässt sich vortrefflich aufwerten. Von Comand, Drive Kit Plus über Ausstattungslinie Urban, AMG Line oder Exklusive-Paket und diverse Assistenten wie Pre-Safe, Distronic und Blind Spot lässt sich so ziemlich alles verbauen, was bei Daimler gut und teuer ist. Und wer noch raucht und es abstellt, hat nach circa zehn Tagen den Gegenwert des dann obsoleten Raucherpaketes wieder drin.

„Das wird sich bei jungen Familien herumsprechen“, ist sich Hansjörg Schinke sicher. Und wenn dem so sein sollte, dann ist es also doch Damenwahl, denn Papa darf zwar die Motorisierung bestimmen, aber ansonsten hat er keine Karten. Hoffentlich sind dann nicht auch noch Chantal und Karin an Bord. Sonst gibt es wieder digitalen Overflow.


0